De Schworte Herrjott

De Schworte Herrjottübernommen aus dem Internetauftritt houteng.de vom Mai 2002, Autor: Pastor Peter Johann

Anlässlich der Wiedereinweihung des Wegkreuzes “De schworte Herrjott” am 6. Mai 2002 am Ende der Bittprozession war Dr. Theo Optendrenk so freundlich, uns etwas über die Herkunft und den Sinn dieses Wegkreuzes zu sagen. Nach Rücksprache mit ihm darf ich diesen Vortrag etwas gekürzt – an dieser Stelle vorlegen.

Meine sehr geehrten Damen und Herren,

Zu Beginn des vorigen Jahres wurde der “Schworte Herrjott”, das Wegekreuz, an dem wir uns heute Abend eingefunden haben, mutwillig zerstört.

Seine Wiederaufrichtung wurde verbunden mit einer fachkundigen Restauration durch die Firma Mülders aus Dülken.

Dass wir uns heute über die Wiedereinweihung freuen dürfen, verdanken wir drei Institutionen unserer Heimat, welche die zügige Wiederherstellung durch großzügige Spenden ermöglichten. Ihren Vertretern, die heute zugegen sind möchte ich ein herzliches Wort des Dankes sagen:

  • dem Verkehrs- und Verschönerungsverein Lobberich,
  • Lions Club Nettetal
  • und der Baugesellschaft Nettetal.

Sie alle, meine Damen und Herren, die in der heutigen Bittprozession den Weg hierher gefunden haben, wollten auch Zeugen der Wiedereinweihung des “Schwarzen Herrgotts” sein.

Korpus und große Teile des Kreuzes mussten nach der Zerstörung des vergangenen Jahres erneuert werden.

Die Inschrift auf dem Sockel war in der bisherigen Form nicht wieder herstellbar und wurde daher in eine vorgesetzte Grafitplatte eingemeißelt, nicht unerhebliche Veränderungen, denen jedoch die zuständige Denkmalbehörde vorab zugestimmt hatte.

“In Jesu Herz in Jesu Wunden
wirst du von allem Leid gesunden
Placeat Audi Nos”

Wenn wir diese Inschrift lesen, spüren wir: das ist nicht die Sprache unserer Zeit.
Und es ist möglicherweise auch nicht die Gefühlslage unserer Zeit.

Der Zuversicht, dass alles Leid der Welt von unserem Herrn Jesus Christus mitgetragen wird, der Zuversicht, dass es in Erinnerung an das Leiden Jesu Christi auch für das Leiden des einzelnen Menschen einen Trost gibt, – dieser Zuversicht gäben wir vermutlich heute einen anderen verbalen Ausdruck.

Aus einer anderen Zeit stammen auch die lateinischen Wünsche der letzten Zeile:

Placeat – wörtlich: es soll gefallen, es soll beschlossen sein.

1. Mai 1862

Und da es auf den vorangehenden deutschen Zweizeiler bezogen ist, würde man vielleicht besser übersetzen: so soll es gelten. An diese Bekräftigung schließt sich die abschließende Anrufung: Audi Nos – höre uns! oder: Herr, erhöre uns! Auf der Rückseite unseres Wegekreuzes, das auf dem Grund und Boden des Lamertshofes steht und auch heute noch zu diesem gehört, finden wir als Datum der Errichtung den 1. Mai 1862.

1868

Vor beinahe genau 140 Jahren also ist es an dieser Stelle aufgestellt worden. Sparsame, aber präzise Angaben zur Entstehungsgeschichte verdanken wir dem Hofbuch des Lamertshofes, das Johann Heinrich Schmitz, seinerzeit Rektor in Eschweiler, im Jahre 1868 begonnen hat.

1857

Johann Heinrich Schmitz war das jüngste von 5 Kindern der Eheleute Peter Heinrich Schmitz und Anna Catharina Dammer, die den Lamertshof bis 1857 bewirtschafteten und danach an die nächste Generation weitergaben: an ihre Tochter Anna Margarethe und den Schwiegersohn Johann Andreas Thobrock.

1854

Der Schreiber des Hofbuches hatte Jesuitenschule, Universität und Priesterseminar in Köln besucht und war am Irmgardistage 1854 zum Priester geweiht worden.

1861 / 1862

Als seine Eltern im November 1861 kurz hinter einander verstarben, beschloss er, zusammen mit seinem Bruder Peter den Eltern auf dem Friedhof ein Grabkreuz zu setzen. Der folgende Passus des Hofbuches geht nun auf unser Wegekreuz ein. Hierzu heißt es: Zugleich mit dem Denkmal auf dem Grabe der Eltern habe ich das Kreuz machen lassen, welches an der Landwehr auf unserem Eigenthum steht.Dasselbe ist errichtet am ersten Mai 1862, und feierlich eingeweiht den 1ten Juni 1862 durch den ehrwürdigen Pater Marcus aus dem Orden der Lazaristen in Cöln. An dem Kreuze gewinnt man einen Ablaß von 100 Tagen, wenn man vor dem Kreuz drei Vater unser und Ave Maria nebst drei “Ehre sei Gott dem Vater” u.s.w. andächtig und reumüthig betet.”

1868

Als Johann Heinrich Schmitz sein Hofbuch im Jahre 1868 beginnt, steht er noch ganz unter dem Eindruck des Leides, das seine Familie in den zurückliegenden Jahren erlitten hatte: Seinen ältesten Bruder hatte er durch Krankheit verloren, seine Schwestern und den Schwager hatte eine Typhusepidemie dahingerafft. Sieben unmündige Kinder blieben auf dem Hofe zurück, für die hat der geistliche Herr die Vormundschaft übernommen.

1862

Auf uns Heutige wirkt die Inschrift aus dem Jahre 1862 wie eine prophetische Ermutigung, all diese medizinischen Unwägbarkeiten einer gar nicht immer guten alten Zeit in einen größeren heilsgeschichtlichen Zusammenhang zu stellen.

Als vor Jahren eine Fernsehaufzeichnung über unsere Region ausgestrahlt wurde, war das Wegekreuz “Schwarzer Herrgott” als ein markanter Punkt genannt, vielleicht aus dem Gefühl heraus: Es gehört in diese Landschaft – als Rastpunkt einer Fahrradwanderung, als Haltepunkt für eine kurze Besinnung, als Ort der Distanz vom hektischen Alltagstreiben und seinem Zeitdruck.

Mögen uns die Aussageweisen einer früheren Zeit manchmal fremd erscheinen: Ihre Weltsicht, ihr Zeugnis lassen uns nicht unberührt. Sie relativieren bei genauerer Betrachtung manche unserer eigenen Nöte und Sorgen.

Aber unser Wegekreuz gehört auch in diese Landschaft als Dokument des Glaubens und der Kultur. Was Frühere und Heutige miteinander verbindet, schafft Identität. Unsere Landschaft hat eine über Jahrhunderte gewachsene Kultur mit vielen kleinen, aber markanten Zeichen.

1. Mai

Die Familien August und Josef Nelissen bekränzen den “Schwarzen Herrgott” seit vielen Jahrzehnten zum 1. Mai und sind entschlossen, diese Tradition an die nächste Generation weiter zu geben.  Geben wir zukünftigen Generationen die Chance, die uns geschenkten Traditionen aufzunehmen. Dazu müssen wir sie aber selbst erhalten.

Wir müssen bereit bleiben zur Toleranz gegenüber anderen Kulturen, weil es die Achtung vor Mitmenschen anderer Herkunft und Überzeugungen gebietet.

Wir dürfen aber auch mit Selbstbewusstsein die gewachsene Kultur unserer Heimat praktizieren und dabei auch die Toleranz derjenigen einfordern, die zu ihr keinen Zugang haben. Möge das Wegekreuz “Schwarzer Herrgott”, das Pfarrer Johann am heutigen Tag wieder einweihen wird, in der Zukunft uns allen und den Vielen, die an ihm Rast machen, unversehrt als Ort der Besinnung erhalten bleiben.

eingereicht durch Peter Johann

 

 


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